Was ist eigentlich eine Krise? 

Wie wird aus einem Lebensereignis eine Krise?

Weshalb erleben nicht alle Menschen Krisen, obwohl sie in gleichen Umständen leben?

2020 könnte ich mit gutem Gewissen als ‘Krisenjahr’ bezeichnen: Wir erlebten innerhalb von 12 Wochen den Tod meiner Mutter und meines Schwiegervaters und verabschiedeten auch unseren 4-jährigen Kater, der von einem Auto überfahren wurde. 

 Von der Pandemie, Homeschooling und Homeoffice und dem Leben mit Teenagern in der Schweizer Oberstufe reden wir schon gar nicht… 2020 wird mir als ein schneller Ritt auf einer Achterbahn in Erinnerung bleiben, mit vielen Kurven, überraschenden Tempoänderungen und ein paar Vollbremsern… 

 Bedeutet eine Ansammlung von schwierigen Ereignissen Krise? 

 Im traditionellen Verständnis ja. Auf den zweiten Blick ist ‘Krise’ aber etwas ganz anderes. Was wir als Krise erleben sind nicht ‘schwierige Ereignisse’, sondern unsere eigenen Gedanken darüber. Unsere individuelle, eigene, willkürliche Interpretation von dem was sich ereignet. Wenn wir von solchen Gedanken bombardiert werden, dann erleben wir ‘Krise’. Es entsteht viel Lärm im Kopf. Gedanken rasen in alle Richtungen und Gefühle von Trauer, Wut und Angst können uns wie eine Lawine überrollen. 

 In einer Krise wird es laut in uns drin. 

Zu unseren eigenen Gedanken gesellt sich manchmal auch der Lärm anderer Menschen, der Medien, Social Media. Ratschläge, Interpretationen, Hilfsangebote… Es gab Phasen in meinem Leben, da fand ich mich umzingelt von so viel Lärm, dass es zum Davonlaufen war. Dieser Lärm ist nicht auszuhalten, wenn wir ihn für wichtig, wahr oder echt halten…   

 Im Lärm hören wir nichts das uns weiterhilft. 

Ich weiss, dass es im eigenen Gedankenlärm NICHTS zu holen gibt. Es ist kein Zeitpunkt, um wichtige Entscheidungen zu treffen, kein Zeitpunkt, Verträge zu unterschreiben, Wohnungsmakler anzurufen oder dem Partner die Scheidung vozuschlagen. Wenn wir im Lärm  handeln, dann leeren wir mit grosser Sicherheit Benzin ins Feuer. 

 Es gibt im Drama nichts zu holen, ausser mehr Drama.

Das Leben verändert sich überraschenderweise immer. Nichts bleibt, wie es war. Meine Trauer, die mich anfänglich kaum noch atmen liess, hat sich beruhigt. Der Umgang mit der Pandemie, dem Homeoffice, den Schulthemen…. Es gab nichts zu tun, ausser zu wissen, dass der Stress nachlässt. Und dann etwas anderes kommt. Ich weiss, dass es sich bei Krisen lohnt, abzuwarten, bis der Lärm vorbei ist. 

 Stillhalten. Bis eine frische Brise aufkommt.

Wenn wir stillhalten, dann lichtet sich der Nebel irgendwann. Der Lärm wird leiser und die wirklich wichtigen Themen zeigen sich. Das ist so wie wenn sich der Schlamm in einem Weiher absetzt, dann sehen wir den Grund. Wir wissen, ob und was zu tun ist. Wir kommen auf neue Ideen und wir spüren die kreative Energie dieses verrückten Universums, von dem wir teil sind.

 Der Nebel lichtet sich.

Ich weiss, es scheint manchmal unerträglich,  den eigenen Schmerz auszuhalten. Wir hadern, wir leisten Widerstand. Und dann kommt er, der grosse Lärm. Die verzweifelte Suche nach Antworten, die Verurteilung der Gefühle, das Graben in der Vergangenheit. – Doch dahinter ist etwas anderes. Eine vertraute Stimme, die uns zuflüstert, dem Lärms keine Bedeutung zu geben. Präsent zu sein, anstatt verstehen zu wollen. Einfach zu nehmen, was kommt. Dann werden wir immer überrascht vom Leben, das zu 100% auf unserer Seite ist und uns grosszügig bedient mit kreativen Antworten, Ideen und Leichtigkeit .